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FragWürdig

Interview in den Fürther Nachrichten von 21. 11. 2008

Wohin führen Sie einen Gast, der zum ersten Mal Fürth besucht?
In den Stadtpark oder zum Grünen Markt, wo ich schon mal eine Mansarde bewohnte. Wahrscheinlich eher in den Stadtpark, wo ich nach einem Rundgang mit meinem Besuch – ich nehme mal an, es wäre ein Damenbesuch – Kaffee trinken und Eis essen würde. Danach gingen wir noch rüber zum jüdischen Friedhof.

Welches Buch könnten Sie immer wieder lesen?
Jean Pauls "Titan", so weit ich weiß, das einzige Buch deutscher Sprache, das die Tiefe und Komplexität von Welt auslotet, "Eine Lebensbeschreibung" eben.

Welchen Film empfehlen Sie mit Nachdruck weiter ? Phantasiebegabte Menschen machen sich ihre Filme selber, gleich welcher gerade läuft oder in welchem sie sich gerade befinden. Nein, ich würde keinen Film empfehlen. Leuten, die sich langweilen oder mir auf die Nerven gehen, würde ich aber nachdrücklich raten "geh doch ins Kino!" – ganz egal was gespielt wird. Mit meiner Lieben versuche ich öfter, gemeinsam einen Film anzuschauen, aber es sind dann doch immer wieder verschiedene.

Angenommen Sie sind für einen Tag Intendant des Fürther Stadttheaters. Welches Stück setzen Sie auf den Spielplan?
Als Intendant würde ich mir den Versuch erlauben, ein Stück innerhalb eines Tages mit allem Drum&Dran auf die Beine zu stellen und abends zur Premiere einladen. Es müsste selbstverständlich ein kurzes Stück sein, mit nur einem einzigen extrem reduzierten Bühnenbild und nur ein oder zwei Schauspielern, wie zum Beispiel bei "Warten auf Godot" - aber das wäre ja zu lang. Ich denke da an ein Stück von Woody Allen: "Der Tod klopft". Darin kommen nur Nat und der Tod vor und sie spielen Kutscher-Rommé und quatschen in Nat`s Wohnzimmer oder auf seinem Bett sitzend. Der Tod verliert natürlich und muss wieder abziehen, weil er nicht zur rechten Zeit "klopft" oder geklopft hat (irgendwie musste er ja ins Spiel kommen). Aber diesen eher flachen Kartenspielerwitz muss man nicht unbedingt verstehen, ebenso muss man nicht Rommé spielen können. Nat und der Tod könnten auch Schwarzer Peter spielen, und trotzdem sollte die Inszenierung des Stücks auf die Frage hinauslaufen, warum der Tod so eine erbärmliche Figur macht, und wer am Ende den "Schwarzen Peter" gezogen hat. Es geht ja nicht um das Spiel mit den Karten sondern um jüdischen Humor. Und deshalb denke ich, es wäre ein gutes Stück für das Fürther Stadttheater - wenn man es innerhalb eines Tages auf die Beine stellen könnte. Ich glaube, der letzte Satz von Nat lautet ungefähr: "Der Tod ist völlig meschugge".

Welchen Gast würden Sie in Ihre Talkshow einladen? Woody Allen zum Beispiel oder Jodie Foster. Die interessieren mich.

Das schönste Liebeslied?
Das schönste Liebeslied müsste gesummt oder gestöhnt sein. Die Liebe selbst ist sprachlos und sollte es besser auch bleiben, sonst wird es kitschig. Zweitschönste Liebeslieder gibt es viele. Dabei geht es immer um Illusionen oder Erinnerungen, also um eine Sehnsucht nach etwas, was man nicht oder nicht mehr hat. Und diese Sehnsucht kann ja durchaus bewegen. Deshalb finde ich die zweitschönsten eigentlich schöner als irgendein Erfüllungsstöhnen.

Ein von Ihnen entworfenes Fürth-Werbeplakat hätte folgenden Slogan:

"neugierig? – ver-Fürth – und verliebt!". Wenn überhaupt, würde es wahrscheinlich Fischköpfe ansprechen.



Worüber lachen Sie Tränen?
Das weiß ich im Vorhinein nicht. Allerdings ist das auch schon ziemlich lange nicht mehr passiert. Dagegen werde ich in letzter Zeit immer leichter zu Tränen gerührt, durch Alltäglichkeiten größter Nichtigkeit. Manchmal genügt schon ein Windstoß (lacht).

In welchem Museum
wären Sie gern Direktor?

Im Museum der vergessenen Dinge. Es wäre gar nicht so einfach, die Objekte zusammenzutragen, denn es ginge ja um die vergessenen. Und vielleicht wäre es auch nur die besondere Art der Suche nach diesen Dingen, die sich dort präsentierte. Denken wir zum Beispiel an den zerstreuten Professor, der seinen Schirm beim Frisör stehen lässt. Auf dem Nachhauseweg fällt ihm ein, dass der seinen Schirm vergessen hat. Er kehrt also um, geht nochmals in den Frisörladen und klemmt sich den Schirm unter den Arm. Also hat er ihn gar nicht vergessen – er hat sich vielmehr erinnert, dass er ihn stehen gelassen hat und hat einen Umweg gemacht. Etwas anderes wäre es gewesen, wenn er zu Hause angekommen wäre und nie bemerkt hätte, dass er jemals einen Schirm gehabt hat. Aber hätte er ihn deshalb vergessen? – Ein Schirm in einem Schirmständer unterhalb eines Spiegels, wie sie in den 50er Jahren in Frisörsalons zu finden waren, wäre sicher ein Ausstellungsobjekt dieses Museums. Es wäre der Schirm des zerstreuten Professors, den, glaube ich, Heidegger für dieses Gedankenspiel erfunden hat, um das Zeitwort "vergessen" zu beschreiben - aber so genau weiß ich das nicht mehr ...

Worum ist die Fürther Kulturszene zu beneiden?
... um ihre unbekümmerte Weltoffenheit.

Welcher Ort inspiriert Sie zu Ihrer Arbeit?
Es gibt keinen festen Ort, außer vielleicht für meine Brotarbeit, also ein Büro in dem ich mich oft aufhalte. Aber dort inspiriert mich nicht der Ort, sondern es sind freundliche, interessierte, hilfsbereite und kollegiale Menschen. Meine "freie" Arbeit findet in der Regel außerhalb jedweder Büros statt, außerhalb sogar meiner eigenen vier Wände. Ich arbeite unterwegs und lasse mich von Begegnungen inspirieren. Das können Begegnungen mit Menschen sein, aber auch mit einer Landschaft oder mit einer Erinnerung, die ich während des Laufens wie ein altes Foto vor mir her trage. Entscheidend ist immer der Weg. Kopf und Notizblock habe ich immer dabei – wenn es auch manchmal schwierig ist, während des Laufens etwas festzuhalten. Aber ich kann ja auch einkehren – oder gehe direkt dorthin.

Auf wessen Ratschläge vertrauen Sie?
Auf die des Gesellen der Reparaturwerkstatt meiner Wahl – die mein Auto betreffen.

Wohin geht die nächste Reise?

Geplant war eigentlich eine Wanderung durch die polnischen Nebel des Oderbruchs. Aber auch sonst weiß ich, Gott sei Dank, noch nicht so genau wo es noch hingeht. Die grobe Richtung überlasse ich meiner Lieben.

Welcher Ihrer Wünsche ist noch unerfüllt?
Reisefreiheit ist so ein Wunsch. Ich möchte nicht gezwungen sein, möglichst schnell so weit wie möglich irgendwohin zu gelangen, um dann zwei oder drei Wochen Programm durchzuziehen. Ich wünschte mir, die Freiheit erworben zu haben, mich mindestens einen Monat, am besten ein Jahr, einer Kultur widmen zu können, ohne an den Geldbeutel denken zu müssen. Dabei müsste die Reise gar nicht weit weg führen oder besonders schnell und komfortabel vonstatten gehen. Sie könnte sogar kostensparend in einer Bibliothek stattfinden. Aber ich müsste eben für diese Zeitspanne die Freiheit besitzen, mich so bewegen zu können wie ich will.