Mit Blatt und Stift und einem Glas Herbstwein
— ein Urlaubstag zu Hause
Der Autor und Musiker Michael Lösel nimmt uns mit zur Burg und in den Biergarten
(Nürnberger Nachrichten vom 08. 09. 2007)
Nachdem du in drei oder vier Wohnungen Blumen gegossen hast, weil deine Freunde sich auf die Insel verdrückt haben, kannst du am frühen Nachmittag ganz gelassen deinem Frühsport nachgehen. Erst mal mit dem Fahrrad hoch zur Kaiserburg. Da weißt du, was du getan hast. Und du hast den Überblick. Vom Moritzberg bis Fürth ist die Welt heut in Ordnung. Außerdem drängen sich keine Kinder ums Fernrohr und die überseeischen Touristen sind offenbar noch beim Mittagessen. Erhabene August-Ruhe über deiner Stadt.
Hast auch einen Tag erwischt, der nicht allzu heiß ist. Ideal für einen Besuch des Rosengartens.
Skizzierte Erinnerungen
In dieser Idylle lassen sich auch gut ein paar Erinnerungen skizzieren für eine neue Ballade. Nervös-zittrige Mitschriften taugen nicht, das wusste bereits Jean Paul, der bekanntlich die Draufsicht des Luftschiffers schätzte – während er sich in seiner Stammkneipe ein ums andere Bier genehmigte.
Wenn das Gackern der Amerikanerinnen hier oben anschwillt, verflüchtigt sich allerdings die Muse. Also dann bergab, im Fahrtwind die Ideen abkühlen, bis in den Stadtpark. Man könnte glatt die ganze Pirckheimerstraße freihändig entlang radeln, so wenig Verkehr ist an diesem Werktag gegen halb fünf. Einige liegen bereits im Gras und lesen oder lassen sich bestrahlen. Ich lege mich auch dazu und döse sogleich weg.
Im Hintergrund Migrantensprachen, die ich im Halbschlaf früheren Urlaubsorten zuzuordnen versuche. Kinderstimmen wecken mich. Im Schlaf fühle ich mich von jedem "Papa" angesprochen, gleich in welcher Sprache. Also rappele ich mich auf und fahre zweihundert Meter weiter auf ein Mittagessen in die Mörlgasse, ins Gregor Samsa. Hier kann ich bei einem Samos-Salat ungestört zum Stift greifen und der Urlauber an fernen Ufern gedenken.
Mittlerweile ist es sieben Uhr und ich bin einer der wenigen Urlaubsgäste auf dieser Insel der Ruhe, in diesem kleinen versteckten Biergarten, wo ganzjährig die Zitronen blühen, besonders bei Ferienwetter.
Kaum einer der Mitternachtsfreunde findet zu dieser Tages- und Jahreszeit den Weg in diese Laube. Die Muse setzt sich wieder zu mir an den Tisch, und wir teilen uns nach dem Salat ein Glas "Herbstwein" in Erinnerung an die ersten Kneipenballaden, die ich hier zu Papier gebracht und zuweilen von einem Stuhl herab vorgetragen habe. Ja, mancher fühlte sich ertappt durch die Lacher der anderen und manche war gespannt, wer noch durch den Kakao gezogen werden würde.
Dabei hatte ich es nie darauf angelegt, leibhaftige Personen zu schildern - aber wenn sie sich unbedingt in den Geschichten erkennen wollen ...
Kino im Kopf
Hartnäckig hält sich auch das Gerücht, ich stenographierte die ein oder andere Szene mit. Dabei bin ich eher von der langsamen Sorte und lasse selbstgedrehte Filme in meinem Kopf ablaufen. Gefällt mir der Film, schreibe ich die Story auf. Aber wenn sich das Verhalten meiner Tischnachbarn ändert und sie sich beobachtet fühlen, nur weil ich mir Notizen mache, für meine To-do-Liste - auch recht ...
Da spüre ich eine Hand auf meiner Schulter und höre ein "Salemaleikum". Sind also doch nicht alle in den Ferien. Ich packe Papier und Bleistift weg und lasse meinen Urlaubstag mit ein paar Freundinnen und Freunden und ihren "Balladen vom wirklichen Leben" ausklingen. Intrigen, Klatsch und Liebeleien gibt es ja bekanntlich in jeder Oase.
Michael Lösel